Reisen
Exklusive LeserInnenreise mit Dres Balmer
Geplant war Anfang März eine Art Blustfahrt, um unserem Publikum die anstehende LeserInnenreise durch die italienische Region Marken schmackhaft zu machen. Aus dem Blust wurde dann leider nichts, doch die Lust verging uns dennoch nicht. Dres Balmer
In Mailand ist es trocken und null Grad, der Himmel bleiern und
erdrückend tief. Wir steigen um, fliehen in die Wärme des nächsten
Zuges. In Piacenza regnet es, in Parma werden die Regentropfen weiss.
In Reggio nell’Emiglia schneit es so wie in meiner Schneekugel «Gruss
aus Engelberg». In Modena wird es uns ums Herz wie im Advent, es fehlt
nur das Rentier Rudi mit der roten Schnauze, das neben der Bahnlinie
herzottelt und den Schlitten mit dem Samichlaus hinter sich herzieht.
In Bologna hat der Wintereinbruch den Autoverkehr zur Strecke gebracht.
Überall Stau. Die Scheibenwischer wischen und wischen, die Scheinwerfer
leuchten und leuchten in die fallenden Schneeflocken. Fahrer steigen
aus und zappeln zwischen den Autos herum. Es schneit und schneit und
schneit. Ruhe senkt sich übers Land. In Küstennähe wird aus dem Schnee
wieder Regen. Das Land ist ockerfarben und olivgrün, giftig grau rasen
die Wellen der Adria auf die Küste zu. Pesaro. Der Wind rüttelt an den
Strandbuden. Ein Hotel ist offen, wenige Gäste sind hier, die meisten
sprechen Russisch. Es regnet auf das Glasdach des Wintergartens.
Frühstück gibt es zum Glück schon um sieben Uhr, um acht sind wir im
Sattel. Zwischen Pesaro und Gabicce zieht sich dem Meer entlang ein
zwanzig Kilometer langer Bergrücken, darüber schaukelt verspielt ein
luftiges Panoramasträsschen. Wir radeln zum Hafen, dann geht es hinauf.
Der Regen hört auf. Sonnenschein. Der Asphalt beginnt zu trocknen. Das
Meer wird immer blauer. Wir sind selig. An der Kälte, am harten Biswind
ändert die Sonne kaum etwas. Alle zehn Minuten treffen wir ein Auto,
dafür immer mehr Gümeler, die sich aus Furcht vor dem legendären golpo
d’area eingemummt haben bis unter die Augen. Wie die Pest fürchtet ganz
Italien den golpo d’area, hat daraus eine Kultur gemacht. Golpo d’area,
zu Deutsch Windstoss. Dabei ist ganz Italien im Moment ein einziger
golpo d’area. Abfahrt nach Gabicce. Unten sind die Finger starr vom
Bremsen. Sonntagmorgen, alle Italiener herausgeputzt und wie aus dem
Schaufenster gekippt. Gedränge an der Bar. Zwei schrille Schönheiten
entfliehen der Menschenansammlung, nehmen ihren Kaffee und setzten sich
dezidiert draussen auf die Terrasse. Es sind Russinnen. Die sind die
Kälte gewohnt, aus Sibirien und Moskau, wo sie sogar bei zwanzig Grad
minus noch Glace essen.
Kanonen aus der Schweiz
Es
geht in die Berge, weg vom Meer, hinauf in die Republik San Marino,
deren Felszinnen wir schon von unserer Panoramastrasse aus gesehen
haben. Auf und ab, stille Strassen, schlafende Dörfer, ein Grenzschild.
Wir sind die einzigen Besucher heute, natürlich ausser ein paar Russen.
Wir finden San Marino sehr sympathisch. Wir werden nach Hause gehen und
prahlen: «Ha, wir waren in San Marino, und dort waren überhaupt keine
Touristen, ausser wir selber und ein paar Russen.» Fast zuoberst finden
wir ein einfaches Hotel mit einer Aussicht, die einem den Atem raubt.
Wir steigen hinauf in die Festung, dort stehen
in einem
Schaufenster zwei Kanonen, die die Schweizer den Marinesen geschenkt
haben, als Zeichen der Freundschaft mit anderen freiheitsliebenden
Bergvölkern. Wir gehen ins beste Restaurant, essen den besten Fisch,
trinken den besten Wein und werden vom besten Kellner bedient. Wir sind
die einzigen Gäste. Ausser ein paar Russen. Langsam gewöhnen wir uns an
sie. Draussen schneit es. Im Cheminée knackt das Scheit. Wenn es
neulich in Modena Advent war, ist heute Weihnachten. Weihnachten in San
Marino, und das Anfang März. Bloss nicht an morgen denken.
Fahren wie in Watte
Doch
der Morgen kommt. Er kommt mit Schneetreiben, er kommt mit minus fünf
Grad. Guten Morgen, San Marino, guten Morgen, Schnee, guten Morgen,
Kälte. Nur kurz beim Kaffee am warmen Ofen stellt sich die Sinnfrage,
dann stürzen wir uns ins Tal. Urbino heisst unser Ziel. Auf dem ersten
Teil der Strecke haben sie so viel Salz gestreut, dass sich keine
Schneedecke bildet. Mein Freund René sagt: «Zum Glück bleibt der Schnee
nicht liegen.» Ich sage: «Verschrei es nicht, René.» Dann besiegt der
Schnee das Salz und bleibt liegen. Wir fahren wie in Watte und wie auf
Eiern. Der Autoverkehr, der eben noch rege war, wird spärlich. Niemand
hat hier Schneeketten, am Strassenrand stehen Autos mit laufendem
Motor, die Scheibenwischer wischen, die Scheinwerfer scheinen, die
Sommerreifen drehen durch. Die Fahrer sitzen hinter den beschlagenen
Scheiben, drücken ihr telefonino ans Ohr und brüllen hinein, als ob die
Lautstärke den Schnee zum Schmelzen bringen könnte. Wir fahren langsam,
doch wir fahren, auf und ab, über mehrere kleine Pässe. Manchmal macht
es Spass, doch es ist sehr anstrengend. Ein Dorf heisst Auditor. Wir
gehen in die Bar. Die Knochen tun uns weh. Jeder ist einmal gestürzt.
Der René auf die rechte Schulter, ich auf die linke Hüfte. Ein Mann in
der Bar fragt, ob wir Deutsche seien oder Schweizer. Wir sagen:
«Schweizer». Der Mann sagt, er sei zwanzig Jahre in Solothurn gewesen,
und es sei die glücklichste Zeit in seinem Leben gewesen. Er wird
sentimental. Er freut sich, richtige Exemplare von Schweizern zu sehen,
und wir glauben es ihm. Wo passiert einem das noch? Zwischen San Marino
und Urbino, aber bloss an Weihnachten. Er schüttelt uns die Hände,
zahlt einen caffè corretto. Der Mann deutet auf meinen Helm und lacht:
«Schneehaube, sicher zwanzig Zentimeter, porca Madonna.»
Urbino ist
eine der schönsten Städte Italiens, und heute ist sie noch schöner,
weil sie überall verziert ist mit weissen Häubchen und Girlanden. Alles
ist lehmfarben und weiss, sonst gibt es fast keine Farbtöne. In den
Gassen ist irrsinnig viel junges Volk unterwegs. Wir sind die
Attraktion. Die ersten Schneebälle treffen unsere Packtaschen. Das ist
also wohl das «fröhliche studentische Treiben», von dem wir im
Reiseführer gelesen haben. Hoffentlich treiben sie auch noch anderes.
Halbtot und ausgehungert sitzen wir in einer Trattoria und essen
Spaghetti. Da fragt René: «Sag mal, was schreibst du eigentlich?» Ich:
«Ich schreibe die Wahrheit.»
Informationen
Auf einen Blick:
Die Marken (it. Le Marche) sind eine Region an der Adria zwischen den
Küstenorten Rimini und Porto d’Ascoli. Sie besteht aus den vier
Provinzen Pesaro-Urbino, Ancona, Macerata und Ascoli Piceno, hat nicht
nur 180 km Küstenlinie, sondern reicht im Westen hinauf in den Apennin
mit Bergen bis 2500 m. Gesamte Fläche: 9700 km2, 1,4 Mio. Einwohner.
Flach sind die Marken nur in Küstennähe. Das Hinterland ist hügelig bis
gebirgig.
Exklusive LeserInnen-Reise für Kulturinteressierte und Sportliche mit Eurovelo:
18. bis 25. September 2004
Kosten: Fr. 1420.– (Halbpension, Gepäcktransport, Velomiete etc., Einzelzimmerzuschlag Fr. 90.–)
Die TeilnehmerInnenzahl ist beschränkt.
Anmeldung: velojournal, LeserInnenreise, Cramerstrasse 17, 8004 Zürich
Anmeldeschluss: 31. August 2004
Programm: Samstag:
Anreise per Bahn nach Gabicce Mare. 1. Radtag, Sonntag: Gabicce
Mare–Pesaro–Gabicce Mare, 50 km. 2. Radtag, Montag: Per Bus nach San
Marino, Rückfahrt per Velo nach Gabicce Mare, 45 km. 3. Radtag,
Dienstag: Gabicce Mare –Urbino, 50 km. 4. Radtag, Mittwoch:
Urbino–Fano, 50 km. 5. Radtag, Donnerstag: Urbino–Senigallia, 50 km. 6.
Radtag, Freitag: Mit dem Zug Senigallia–Loreto, per Velo Loreto–Ancona,
45 km. Samstag: Rückreise per Bahn in die Schweiz.
Unser Reisejournalist Dres Balmer begleitet Sie.