
Seit bald einem Jahr müssen sich auch die Amerikanerinnen und
Amerikaner mit massiv gestiegenen Benzinpreisen abfinden. Der früher
spottbillige Sprit ist zwar für europäische Verhältnisse immer noch
günstig, obwohl er innert eines Jahres um gut ein Drittel teurer
geworden ist. Ein harter Schlag für eine Gesellschaft, deren
Mobilitätskonzept noch immer auf dem Prinzip der Grenzenlosigkeit
basiert. Am offenkundigsten äussert sich dies in der Krise der
Autohersteller GM und Ford. Die Benzinpreise führten zu einem
Verkaufseinbruch bei den Geländewagen, und der Benzin saufende Hummer –
die Mutter aller Offroader – wird bald nicht mehr produziert. Diese
Erschütterung in den Grundfesten des «American Way of Life» birgt aber
auch Chancen. So wird ob dem Ölpreisschock die Suche nach
Energiealternativen sowie sauberer Energie nun stark vorangetrieben. Im
Zuge dieses Umdenkens ist auch das Velo zu einem Symbol geworden. «Jede
Person, die mit ihrem Rad zur Arbeit fährt, reduziert unsere
Abhängigkeit von ausländischem Öl», sagt Tim Blumenthal von der Bikes
belong Coalition in Boulder, Colorado.
Fahrgemeinschaften, Bahn- und Bike-Revival
Im
Alltag müssen sich die PendlerInnen notgedrungen wieder mit dem Modell
Fahrgemeinschaften auseinander setzen. Zugfahren ist seit den
Anschlägen von 9/11 an der Ostküste schon seit längerem wieder populär,
nun wird aber auch landesweit die marode Bahninfrastruktur aufgemöbelt.
Und die seit 1991 erfolgten Verbesserungen im Langsamverkehr tragen
langsam Früchte. Von den kürzlich gesprochenen 286 Verkehrs-Milliarden
will die Administration Bush mit vier Milliarden die Förderung des
Langsamverkehrs künftig verdoppeln.
Investitionen zugunsten des
Langsamverkehrs sind aber auch bitter nötig, um das Bike wieder
attraktiv zu machen. Der Strassenzustand liegt für Zweiradfahrende in
den Städten oft unter der Toleranzgrenze. «Schlechte Strassen werden
von unseren Mitgliedern als schlimmstes Übel empfunden – noch vor
rücksichtslosen Autofahrern», sagt Leah Shahum, Geschäftsleiterin der
San Francisco Bike Coalition (SFBC). Nicht zuletzt deswegen konnte die
Lobbyorganisation für den diesjährigen «Bike to Work Day» Mitte Mai
breit mobilisieren. San Francisco, das neben Chicago, New York und
Seattle als velofreundlichste Stadt gilt, erreichte mit über 60000
Teilnehmenden eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr.
Hersteller freuen sich über Rekordverkäufe
Auch
die Bike-Industrie hat nach Jahren der Krise wieder Grund zu
Optimismus. Letztes Jahr wurden rekordverdächtige 20 Millionen Bikes
verkauft, und auch heuer scheinen sich die Verkaufszahlen wieder gut zu
entwickeln. Dennoch ist dies erst ein Anfang: Bisher fahren in den USA
nur etwas mehr als ein halbe Million Leute mit dem Bike zur Arbeit, das
sind nicht einmal ein Prozent. Doch Velohersteller Joe Breezer ist
zuversichtlich: «Den grössten Zuwachs verzeichnen wir bei Leuten, die
ihre täglichen Einkäufe mit dem Bike tätigen.» Breezer, einer der
legendären Figuren der kalifornischen Bikeszene, hat vor einigen Jahren
aus Überzeugung seine Produktion ganz auf das Segment Citybike
umgestellt und freut sich nun auch über die gestiegenen Umsätze (siehe
vj 6/04). Und auch er beobachtet ein Umdenken: Den fruchtbarsten Boden
gebe es in den (oft kompakt gebauten) Universitätsstädten, wo das Velo
zum normalen Transportmittel geworden sei und wo die spätere Elite eine
Vorbildfunktion übernehmen könne. Schwieriger sei es in Megastädten wie
Atlanta, Dallas und Los Angeles, wo für eine velofreundliche
Infrastruktur auch intakte Bahn- bzw. ÖV-Strukturen nötig wären. Diese
sind jedoch der unbegrenzten Automobilisierung zum Opfer gefallen und
müssten heute mit grossem Aufwand wieder errichtet werden.
Wie
schwierig die Veloförderung in den USA sein kann, illustriert das
Beispiel Florida: Gouverneur Jeb Bush lehnte einen Zuschlag für
Mietautos von zwei Dollar pro Tag im Tourismusparadies ab. Das Geld
hätte der Förderung des Langsamverkehrs zugute kommen sollen. Von
seiner Überzeugung her könne er diese Steuer nicht unterstützen, liess
der Bruder des amerikanischen Präsidenten und begeisterten
Freizeitvelofahrers verlauten. Ein solches Veto oder ein Referendum
kann in jedem Bundesstaat blühen. Bis das Gesetz zur Förderung des
Langsamverkehrs wirklich greift, kann deshalb noch viel Zeit vergehen.
Im Internet
www.sfbike.org/download/
sfbc.mov