
Im Herbst ist es am schönsten. In der Luft schwebt die schwere Süsse
des vergangenen Sommers, über das Land senkt sich ein Dunst, der bis im
Frühling liegen bleibt und alles weicher macht: die Konturen, die das
Auge wahrnimmt, alle Töne, die ans Ohr dringen. Die Nächte sind schon
kühl, vielerorts gibt es Morgennebel, und am Nachmittag wird es
sommerlich warm.
Mailand. Im Prinzip gibt es
Velostreifen und Radwege, doch die sind zugemüllt mit parkierten Autos.
Die Pavés sind höllisch, der Verkehr ebenso. Wir steuern den Südwesten
an, die Porta Ticinese. Hier beginnt der Naviglio Grande, alles wird
etwas gemächlicher, das Dröhnen der Metropole liegt hinter uns. Wir
fahren auf dem Strässchen, das dem siebenhundert Jahre alten Kanal
entlang führt. Mailand ist eine trockene Stadt, sie hat keinen
nennenswerten Fluss, und der Naviglio Grande stellte die Verbindung her
zum Fluss Ticino im Westen. Er war während Jahrhunderten eine wichtige
Lebensader. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurden auf ihm aus dem
Hinterland in die Stadt transportiert, auch Baumaterialien für die
wuchernde Agglomeration, zum Beispiel Steinquader aus Steinbrüchen am
Lago Maggiore für den Bau des Doms. Das dauerte bis 1954, dann wurde
die Kanalschiffahrt eingestellt, und heute ist der Wasserweg eine
verschlammte Kloake mit niedrigem Wasserstand. Den Transport besorgen
die Lastwagen.
Abbiategrasso. Die Gegend war früher bei den reichen Mailändern für die
Sommerfrische beliebt, und es sind ein paar schöne Villen
übriggeblieben, die zum Teil am Verfallen sind. Sie werden
in Reisebüchern beschrieben, es gibt unterwegs Hinweisschilder, doch
die Sachwalter, die noch irgendwo in einem bewohnbaren Gelass hausen,
scheinen selber auch aus einer verschütteten Epoche zu stammen.
Meistens sind sie zu mürrisch, um ein paar Schweizer cicloturisti einen
Blick ins Innere werfen zu lassen. Eine Villenverwalterin in Schürze
und Pantoffeln lässt durchblicken, letzte Woche seien ein paar signori
svizzeri hier gewesen, in einem schönen Auto. Die wollten die Villa
kaufen und in Stand stellen.
Vigevano, später Nachmittag. Wir
fahren durch ein Portal, die riesige Piazza Ducale liegt plötzlich vor
uns. Eine Vision, die einem den Atem raubt. Wir setzen uns vor ein Café
und schauen zu, wie das sanfter werdende Licht die Farben auf den
Renaissance-Fassaden wärmer macht. Der gepflästerte Platz ist autofrei,
doch überqueren ihn Hunderte von Menschen jeden Alters auf Fahrrädern.
So autoverrückt wie die Italiener sind, so konsequent halten sie
vielerorts ihre Hauptplätze vom motorisierten Verkehr frei. Man reibt
sich die Augen.

Zwischen Vigevano und Pavia liegt der Parco Regionale del Ticino; wenn
dieser Park auch nicht ein wild belassenes Naturschutzgebiet ist, sind
doch die kleinen Strassen sehr ruhig und zum Teil für Autos gesperrt.
Hier ist eine helle Weite, Stoppelfelder, so weit das Auge reicht,
Pappelreihen am Wegrand, und am Horizont mächtig-breite, rosa
schimmernde Bauerngüter, cascine. Sie sind zum Teil so weitläufig, dass
Strässchen mitten durch ihren Hof führen, vorbei an den Ställen mit
Hunderten schwarzweiss gescheckter Rinder und Kühe, vorbei an Silos und
Maschinenparks.
Mehrmals fahren wir in die Irre, landen unter
Hundegebell in Höfen, wo es eben nicht weitergeht, wo Gänse und Hühner
herumlaufen, fragen nach dem Weg, werden fröhlich aufgeklärt, fahren
zurück, nehmen die nächste Abzweigung. Certosa di Pavia. Die Kartause
befindet sich im Norden der Stadt. Die frommen Einsiedler hatten Stil
und Geld. Pavia selber ist uns zu gross, wir weichen aus nach Osten,
landen nach etwa 30 Kilometern in Terme di Miradolo, wo wir das
verwunschene Albergo Milano entdecken. Fehlt nur, dass Fellinis
Gradisca auf die Terrasse tritt.
Lodi,
Crema. Stätten höchster Urbanität. Tolle Plätze. Reich, elegant, und
niemand scheint Eile zu haben. Unbegreiflich, wie diese Leute
Berlusconi wählen können. Und: Wieso kennt keiner diese Städte? Cremona
dagegen ist uns schon wieder zu gross, dafür ist hier die Unterkunft
kein Problem. Uns zieht es wieder aufs Land, an den Po. Lange Strecken
können wir jetzt auf den Dämmen zurücklegen. Es radelt wie von selber,
in Casalmaggiore trinken wir einen Prosecco, verlassen dann den Lauf
des Po nach Nordosten, um nach Sabbioneta zu radeln. Es tötelet ein
wenig. Hier baute ein reicher Krautjunker im 16. Jahrhundert eine
Idealstadt für 5000 Einwohner, ganz nach seinem Gusto, mit Akademie,
Druckerei und Theater, liess eigene Münzen prägen. Das Städtchen
funktionierte ein paar Jahrzehnte leidlich, versank dann in einen
Dornröschenschlaf und ist bis heute weitgehend intakt. Es gibt hier
übrigens zwei Hotels, aber nur noch 500 Einwohner.
Mantova, Palazzo
del Te. Grandioser Renaissance-Schwulst. So schön kann Kitsch sein. Und
das Leben in dieser Stadt! So selbstbewusst, dass der Rest der Welt
abdanken kann. Und traurige europäische Geschichte: Hier liess Napoleon
im Jahre 1810 den Tiroler Gastwirt und Freiheitskämpfer Andreas Hofer
füsilieren.
Carpi. Wir haben noch etwas Zeit und beschliessen, von
Mantua weiter in Richtung Modena zu fahren. Auf kleinen Strassen nach
Süden. Der direkteste Weg wäre der langweiligste. Von Dorf zu Dorf, von
Gehöft zu Gehöft, von Caffeteria zu Trattoria. Und dann die Stadt
Carpi, nicht zu verwechseln mit der Insel Capri. 60’000 Einwohner,
Textilindustrie. Im Vergleich zum Hauptplatz von Carpi sind alle bisher
gesehenen Plätze zusammengenommen ein Dreck. Der Platz von Carpi ist
der irrste. Manche Besucher erleben hier zum ersten Mal, was das ist:
Platzangst, Agoraphobie. Das Gegenteil von Klaustrophobie, die man
empfindet, wenn zu viele Menschen im Lift stehen.
Auf einen Blick: