Veloreise all’italiana

Arrangiarsi – sich in jeder Situation gut durchschlagen. Auf einer Italien-Tour lässt sich das bestens üben. Tipps und Tricks für Veloferien in Italien.

Doro Staub

Doro Staub, Autorin (doro@dorostaub.ch)
Reisen, Ratgeber, 20.03.2024

Neun Millionen Velotouristen aus dem In- und Ausland haben Italien 2022 erkundet, wie einer Studie des Nationalen Instituts für Tourismusforschung zu entnehmen ist. Sie waren hauptsächlich auf den bekannten, gut markierten und mittlerweile arg vollen Velowegen im Norden unterwegs: auf der Via Claudia Augusta, dem Alpe-Adria- oder dem Dolomiten-Radweg.

Auch die Via Francigena, der Pilgerweg nach Rom, ist gut frequentiert, Sizilien-, Sardinien- oder Apulien-Runden sind besonders bei Gruppen beliebt. Individualreisende hingegen befahren oft den Po-Radweg, in der Hoffnung, eine Veloroute wie jene am Donau-Radweg anzutreffen, gewürzt mit italienischem Charme.

Bloss: Wer schon mal auf dem Po-Radweg unterwegs war, erinnert sich an fehlende Wegweiser, viel Suchen, Zickzack, Umkehren, miserablen Belag und eine eher düstere Seite Italiens. Der Po-Radweg ist ein gutes Beispiel für den Zustand der italienischen Velo-Infrastruktur abseits der schicken Wege im Norden: Sie besteht aus Veloweg-Stücken, deren Verbindung man selber finden muss. Schlecht markiert, schlecht unterhalten.

Ein dazu passender Flop

Die Website bicitalia.org präsentiert 20 vielversprechende Fernradrouten mit wohlklingenden Namen, die den Stiefel durchziehen: Die Ciclovia del Sole führt über 1600 km nach Palermo. Auf der Ciclovia Adriatica gehts von Triest stets dem Meer entlang bis an den Stiefelabsatz in Apulien. Die Ciclovia Tirrenica von Ventimiglia bis nach Rom – toll! Aber leider alles «aria fritta», wie der Italiener sagt – frittierte Luft, gluschtig verpackt in klangvolle Namen. Diese Ciclovie sind keine Velowege, sondern bestenfalls Routen, auf denen vereinzelt ein Wegweiser steht. Oft bleiben sie aber einfach nur Ideen und Projekte.

Improvisationstalent gefragt

Bleibt in Italien also nur die Wahl zwischen übervollen Velowegen, geführten Gruppen-Touren und frittierter Luft? Nein, aber es braucht etwas mehr Vorbereitung als in Ländern mit echten Fernradwegen – und eben: etwas Lust am Improvisieren.

Tipp zur Tourenplanung

 Man nehme die gewünschte Reisezone ins Visier und schreibe sich die bereits vorhandenen Velowege raus. Ob es diese wirklich gibt, lässt sich in Reiseberichten überprüfen. Mithilfe eines Online-Routenplaners füge man die Velowege zu einer Tour nach eigenem Gusto zusammen. Unbedingt noch kontrollieren, ob Start- und Endpunkt gut mit Zug und Velo erreichbar sind. In den Regionalzügen darf das Velo mitreisen, in manchen Intercitys auch. 

Tipp für unterwegs

Bei Schwierigkeiten (Suche nach einem Mechaniker, Unterkunft ausgebucht, Strasse gesperrt, Hungerattacke, …) gibt es in fast jedem Ort eine zentrale Auskunftsstelle: die Bar. Hier wird beim Improvisieren geholfen.

Zwischen Idylle und Stress

Ein Tourenbeispiel in Schweiz-Nähe gefällig? Starten wir in Mailand am alten Kanal Naviglio Martesana. Ihn entlang führt ein rund 30 km langer Veloweg ostwärts aus der Stadt. Erst urban, dann immer idyllischer, vorbei am Ort Gorgonzola, bis zum Fluss Adda. Dem Adda-Radweg folgen wir nordwärts bis nach Lecco am Comersee. Weil Velofahren am südlichen Comersee stressig und gefährlich ist, nehmen wir das Schiff nach Colico. Hier startet der perfekt ausgebaute und markierte Sentiero Valtellina durchs Veltlin, hinauf nach Bormio. 

Auf halbem Weg passiert er Tirano, von wo aus die Rhätische Bahn über den Berninapass ins Engadin fährt. Alternativ spulen wir auf der anderen Talseite den Aprica-Pass hoch und ab Edolo auf dem famosen Oglio-Veloweg hinunter, den Iseosee entlang und bis zum Po. Nein, hier nicht auf den Po-Radweg, sondern ab Mantua auf dem Mincio-Veloweg zum Gardasee, rüber nach Verona, und immer schön weiter – eben: improvisieren all’italiana.